Peer education zu Liebe, Sexualität und Schwangerschaftsverhütung
Institut für Prävention
und psychosoziale Gesundheitsforschung (IPG
)
Projektleitung:
Prof. Dr. Dieter Kleiber
Problemstellung und Zielsetzung
Als eine
zentrale Entwicklungsaufgabe des Jugendalters wird das Eingehen von intimen
interpersonalen Beziehungen gesehen. Neben den überwiegend positiven Effekten
für die individuelle Entwicklung birgt das Sammeln von sexuellen Erfahrungen
immer auch ein gewisses Entwicklungsrisiko, da Jugendliche lernen müssen, mit
sexuellen und intimen Problemen produktiv umzugehen. Sexuelle Erfahrungen können
auch insbesondere mit Risiken, wie ungewollten Schwangerschaften und übertragbaren
Infektionen verbunden sein. Wie in umfassenden Evaluationsstudien gezeigt
werden konnte, sind schulische Präventionsansätze, die ausschließlich auf
Wissensvermittlung abzielen, wenig geeignet, bei Jugendlichen Einstellungs-
und Verhaltensänderungen hervorzurufen. Erfolgversprechender erscheinen
demgegenüber Gesundheitsförderungsansätze, die Jugendliche stärker mit
einbeziehen und sie nicht nur auf der kognitiven Ebene, sondern auch auf der
affektiven und Handlungsebene ansprechen. Aus entwicklungspsychologischer
Sicht spielen Gleichaltrigenbeziehungen für die Bewältigung alterstypischer
Entwicklungsaufgaben und die Identitätsfindung von Jugendlichen eine wichtige
Rolle. Allgemein bezeichnet man Gesundheitsförderungsansätze, die
Laienmultiplikatoren einsetzen, die ihrer eigenen Zielgruppe angehören als
peer involvement - Ansätze. Solche Ansätze sind im deutschsprachigen Raum
jedoch noch eher selten. Ein pädagogisches Team der Berliner Senatsverwaltung
für Gesundheit betreute ein peer involvement Modellprogramm zur Sexualaufklärung.
Realisiert wurden zwei Varianten von peer involvement Ansätzen: Peer
education - Programme (Teilprojekt I-Intensivtraining) und Peer Projekte
(Teilprojekt II- Kurztraining). In Teilprojekt I wurde eine Gruppe von
Jugendlichen über einen längeren Zeitraum zu Themen wie Liebe, Sexualität
und Schwangerschaftsverhütung geschult. Die Jugendlichen wurden im
schulischen Umfeld rekrutiert und wurden nach Trainingsabschluß (ca. nach
einem dreiviertel Jahr) im Rahmen von Schulklassen aktiv. Teilprojekt II
beinhaltete demgegenüber eine ca. 16-stündige Kurzausbildung. Das Ziel
bestand hier weniger in der Durchführung von Veranstaltungen mit Gruppen von
Jugendlichen, als vielmehr in der Durchführung von sogenannten Peer
Projekten, wie z. B. im Erstellen von Wandzeitungen, Aufführen von Theaterstücken
usw... Teilprojekt II sollte im Gegensatz zu Teilprojekt I im Freizeitbereich
zur Anwendung kommen und sich stärker auf Jugendliche mit schwierigen Lebensläufen
konzentrieren. Das übergreifende Ziel beider Trainingsvarianten bestand
darin, die Autonomie und Selbstverantwortlichkeit von Jugendlichen zu stärken
und sie zu einem selbstverantwortlichen und risikobewußten Umgang mit Verhütungsmitteln
anzuregen.
Wissenschaftliche
Begleitforschung
Die
wissenschaftliche Begleitforschung des peer education Projektes beinhaltet im
Sinne umfassender Evaluation die Evaluation von Programmentwicklung
(Trainingsvarianten), Programmdurchführung (Implementation) und
Programmwirkungen. Zu diesem Zweck fanden Befragungen, bzw. Interviews der
Trainer, der Multiplikatoren (peer educators) und der Adressaten statt.
- Allgemeines Ziel der wissenschaftlichen Begleitung von Trainerinnen und
Trainern war es, die Modellimplementation mit ihren Schwierigkeiten und
Problemen zu veranschaulichen und gegebenenfalls unterstützend
einzugreifen. Zu diesem Zweck wurden in ca. dreivierteljährlichen Abständen
halbstrukturierte Interviews durchgeführt und fortlaufend ausgewertet.
- Auf der Ebene der Programmentwicklung wurden die beiden o.g.
Trainingsvarianten realisiert und evaluiert. Dabei befand sich Teilprojekt
II (Kurztraining) noch stärker als Teilprojekt I (Intensivtraining) im
Stadium der Programmentwicklung, da Konzepte für Zielgruppen zu
entwickeln waren, die besondere Anforderungen stellten. Die
Trainingskonzepte wurden darüber hinaus von Fall zu Fall auf ihre
Brauchbarkeit hin überprüft und gegebenenfalls adaptiert. Angestrebt war
ein Vergleich von Effektivität und Effizienz der beiden
Trainingsvarianten.
- Die Beobachtung der Beeinflussung von Entwicklungsverläufen der Peer
educators durch ihre Ausbildung stellte ein wesentliches Ziel der
Evaluationsforschung dar. Von Interesse waren Erkenntnisse darüber, ob
und in welcher Weise gewünschte Entwicklungsverläufe durch peer
education Programme gefördert werden konnten. Hier ging es um den Einfluß
der Ausbildung und Tätigkeit als peer educator auf die Förderung von
personalen Ressourcen und Verhaltenskompetenzen. Hierzu wurde ein
standardisierter Fragebogen direkt vor, direkt nach und ein halbes Jahr
nach Abschluß des Trainings eingesetzt.
- Zur Erfassung der Adressatenwirkung (Teilprojekt I) wurde eine längsschnittlich
angelegte Befragung mit Interventions- und Kontrollgruppe in Schulen
durchgeführt. Als Zielkriterien wurden unter anderem
gesundheitspsychologische Einflußgrößen erhoben. Abhängig von der
potentiellen Zielgruppe der peer educators wurden ein bis drei Jahrgänge
der achten bis zehnten Klassen vor Beginn der peer educator Aktivitäten
und vier bis sechs Monate später mittels standardisierter Meßinstrumente
befragt.
Die
wichtigsten Untersuchungsbefunde im Überblick
1.
Programmwirkungen bei Multiplikatoren mit Intensivtraining
(Teilprojekt I)
- Stichprobe zu Trainingsbeginn: 68 Jugendliche (42 Mädchen, 26 Jungen)
mit einem Durchschnittalter von 14,7 Jahren (12-17 Jahre), 24 % der
Multiplikatoren waren sexuell erfahren.
- Trainingsgruppen: 5 Trainingsgruppen - je zwei gymnasiale und zwei
Gesamtschulgruppen aus Westberlin, eine gemischte Gruppe aus Ostberlin
bestehend aus Haupt- und Gesamtschülern.
- 60 % Trainings Drop-outs: abhängig von Schultyp (Je höher das
Bildungsniveau, desto geringer die Dropouts), Geschlecht (Jungen steigen häufiger
aus), Wissen (Dropouts verfügen über geringeres themenbezogenes Wissen)
und Kondomakzeptanz (geringere Kondomakzeptanz bei Dropouts).
- Motive zur Trainingsteilnahme: Am wichtigsten war der Wunsch, Neues zu
erfahren ("Informationssuche"), gefolgt von der Verantwortungsübernahme
für andere ("Altruismus") und schließlich dem Wunsch nach
sozialer Anerkennung ("Suche nach Anerkennung").
- Intensivtraining führte zu einer Zunahme an Wissen, wahrgenommener
Kommunikationskompetenzen, Selbstwertgefühl und des Selbstvertrauens im
sexuellen Bereich.
- Die Anforderungen der Durchführungsphase von Peeraktivitäten führten
zu einer Stabilisierung der Effekte auf dem bestehenden Niveau.
2.
Programmwirkungen bei Multiplikatoren mit Kurztraining (Teilprojekt II)
- Stichprobe zu Trainingsbeginn: 50 Jugendliche (33 Jungen, 17 Mädchen)
mit einem Durchschnittsalter von 14,9 Jahren (12-19 Jahre).
Multiplikatoren verfügten mit knapp 40% Geschlechtsverkehrerfahrung über
vergleichsweise hohe sexuelle Erfahrung.
- Trainingsgruppen: 6 Trainingsgruppen - 4 Gruppen aus dem Freizeitbereich
und zwei schulische Gruppen aus Gymnasium und Gesamtschule.
- 54 % Trainings Drop-outs - geringste Dropoutquoten hatten eine sozialpädagogisch
betreute Freizeitgruppe und eine gymnasiale Gruppe.
- Unterschied in Informationsbedürfnissen: Informationsbedürfnisse zum
Thema Liebe, Sexualität und Partnerschaft waren bei Teilnehmern des
Kurztrainings im Vergleich zu Teilnehmern des Intensivtrainings geringer
ausgeprägt.
- Unterschied in Teilnahmemotiven: Teilnehmer des Kurztrainings hatten im
Vergleich zu Teilnehmern des Intensivtrainings eine stärkeres
"Informationssuchemotiv" und "Hilfemotiv", jedoch ein
geringer ausgeprägtes Motiv durch ihre Trainingsteilnahme soziale
Anerkennung zu erfahren.
- Kurztraining führte zu einer Zunahme wahrgenommener
Kommunikationskompetenzen, jedoch nicht zu einer Zunahme des Wissens oder
des Selbstvertrauens.
- Die Anforderungen der Durchführung von Peeraktivitäten bewirkten einen
Anstieg des Wissens, wahrgenommene Kommunikationskompetenzen konnten nicht
langfristig stabilisiert werden und sanken auf das Ausgangsniveau zurück.
3.
Akzeptanz der Peer educators bei Adressaten
- Programmreichweite: Es wurden schätzungsweise 2000 Adressaten durch das
Programm unmittelbar erreicht, etwa ein Drittel davon als Zuschauer eines
Theaterstücks der Multiplikatoren zum Thema "Bisexualität",
die restlichen hatten die Gelegenheit, an Informationsveranstaltungen
innerhalb der Klasse teilzunehmen
- Adressatenstichprobe: im Durchschnitt 14,7 Jahre, 57 % Mädchen
- Globalbewertung: die Veranstaltungen und Präsentationsfähigkeiten der
Multiplikatoren wurden von dem überwiegenden Teil der Adressaten als gut
oder sehr gut bewertet
- Schularteffekte: ein Vergleich der Einschätzungen von Adressaten aus
verschiedenen Schularten ergab beste Bewertungen für die Gesamtschülerinnen
- offensichtlich war hier die beste Passung zwischen Beobachter und Modell
vorhanden
- Geschlechtseffekte: Mädchen bewerteten die Veranstaltungen und die
Multiplikatoren in einigen Aspekten besser und waren generell den Präventionszielen
Kommunikation und Kondomgebrauch gegenüber positiver eingestellt
- Die Einschätzung der Peer educators durch Adressaten stand in einem
Zusammenhang zur Akzeptanz der Veranstaltung und zu den Präventionszielen
Kommunikationsbereitschaft und Einstellungen zum Kondomgebrauch
- Je höher die Fähigkeit der Peer educators eingeschätzt wurde, offen
über Sexualität reden zu können, desto mehr trauten sich die Adressaten
zu, über Sexualität und Verhütung zu reden.
- Je attraktiver Peer educators wahrgenommen wurden, desto motivierter
waren Adressaten, mit anderen Jugendlichen über Sexualität und Verhütung
zu reden
4.
Programmwirkungen bei Adressaten
- Stichprobe: 1411 Schülerinnen und Schüler aus dem 8ten bis 10ten
Jahrgang, im Durchschnitt 14,3 Jahre (12-17 Jahre) davon 55,2 % Mädchen
- Präventionsbedarf: 86 % der Mädchen und 71 % der Jungen gaben an, beim
letzten Geschlechtsverkehr verhütet zu haben. Pille und Kondom waren die
hauptsächlichen Verhütungsmittel: Mädchen hatten überwiegend mit Pille
verhütet (63 %), Jungen hatten überwiegend mit Kondom verhütet (77 %).
- Programmziel Kommunikationsförderung: wurde bei Gymnasiasten deutlich,
bei Gesamtschülern und Hauptschülern in Ansätzen erreicht.
- Programmziel Kondomgebrauch fördern: wurde bei Gymnasiasten und
Hauptschülern eher nicht (nur ein Indikator sprach dafür), bei Gesamtschülern
in Ansätzen erreicht (drei Indikatoren sprachen dafür)
- Programmziel Beratungsstellen bekanntmachen: Bekanntheitsgrad von
Beratungsstellen (insbesondere Pro Familia) war bei Gesamtschülern und
Gymnasiasten gestiegen, bei Hauptschülern jedoch nicht
- Geschlechtsunterschiede der Programmwirkungen bei Adressaten waren nicht
nachweisbar
- Durch die Veranstaltungsform Theaterstück konnte schneller eine größere
Anzahl Jugendlicher erreicht werden, nachhaltige Wirkungen wurden nur
durch zusätzliche Informationsveranstaltungen der Peer educators in
Schulklassen erreicht.
Bisherige
Veröffentlichungen:
im Jahre 1995:
Kleiber, D. & Pforr, P. (unter Mitarbeit von Lerf, J. und Knietzsch,
T.) (1995). Begleitforschung zum Modellprojekt "Peer education zu
Liebe, Sexualität und Schwangerschaftsverhütung" - Erster
Zwischenbericht. (Schriftenreihe des Instituts für Prävention und
psychosoziale Gesundheitsforschung: 1/P95). Freie Universität Berlin.
im Jahre 1996:
Kleiber, D. & Appel, E. (unter Mitarbeit von Lerf, J. und Knietzsch,
T.) (1996). Begleitforschung zum Modellprojekt "Peer education zu
Liebe, Sexualität und Schwangerschaftsverhütung" - Zweiter
Zwischenbericht. Institut für Prävention und psychosoziale
Gesundheitsforschung. Freie Universität Berlin.
Lerf, J. (1996). Die Aufnahme intimer Beziehungen im Kontext
psychosozialer Bedingungen. Unveröffentlichte Diplomarbeit. Institut für
Prävention und psychosoziale Gesundheitsforschung. Freie Universität Berlin.
Pforr, P. & Kleiber, K. (1996). Prävention und Gesundheitsförderung
von Jugendlichen für Jugendliche - Theoretische Grundlagen und Praxismodelle
des peer involvement-Ansatzes. Institut für Prävention und psychosoziale
Gesundheitsforschung. Freie Universität Berlin.
Schleicher, M. (1996). Prädiktoren der Motivation zur Teilnahme an
einem Trainings-programm zur Sexualaufklärung. Unveröffentlichte
Diplomarbeit. Institut für Prävention und psychosoziale
Gesundheitsforschung. Freie Universität Berlin.
im Jahre 1997:
Kleiber, D. & Appel, E. (unter Mitarbeit von Knietzsch, T. und Socher,
A.) (1997). Begleitforschung zum Modellprojekt "Peer education zu
Liebe, Sexualität und Schwangerschaftsverhütung" - Dritter
Zwischenbericht. (Schriftenreihe des Instituts für Prävention und
psychosoziale Gesundheitsforschung: 4/P97). Freie Universität Berlin.
im Jahre 1998:
Appel, E. & Kleiber, D. (1998). Evaluation of a peer education
program on love, sexuality and contraception. In: R. Schwarzer (Ed.)
Advances in health psychology research (Volume 1). Berlin: Freie Universität.
(ISBN 3-00-002776-9).
Appel, E. & Kleiber, D. (1998). "... daß ich was lern dabei
und auch noch an andere Jugendliche weitergeben kann! " Auswirkungen des
Berliner Peer Projektes auf Jugendliche. In R. Gerdes, I. Nuj-Brandt, L.
Wronska & H. Backes (Hrsg.) Viele Wege führen nach Rom. Dokumentation der
Fachtagung Peer Education Berlin (22.10. - 24. 10.1998). Schriftenreihe
Gesundheitsförderung Nr. 12 (S. 26-35). Berlin: Landesamt für Gesundheit und
Soziales Berlin.
Kleiber, D. & Appel, E. (1998). Peer education zu Liebe, Sexualität
und Schwangerschaftsverhütung. Abschlußbericht (Schriftenreihe des
Instituts für Prävention und psychosoziale Gesundheitsforschung 9/P98).
Berlin: Freie Universität Berlin.
Kleiber, D., Appel, E. & Pforr, P. (1998). Peer education in der Präventionsarbeit.
Entwicklungen, Begründungsmuster, Erfahrungen und Entwicklungsanforderungen
(preprint). (Schriftenreihe des Instituts für Prävention und psychosoziale
Gesundheitsforschung 10/P98). Berlin: Freie Universität Berlin.
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