Lebensgestaltung junger Ehen und Kinderwunsch
Das forschungsleitende Interesse dieser Längsschnittstudie war, die
Einstellungen und Werthaltungen sowie die daraus resultierenden Entscheidungen,
die junge Ehepaare bezüglich ihrer Lebensplanung und -gestaltung treffen, zu
erfassen. Besondere Bedeutung sollte dabei der Entscheidung für oder gegen
Kinder, dem Einfluß öffentlicher Stützungssysteme (staatliche Leistungen für
Familien mit Kind(ern), insbesondere Erziehungsgeld und Erziehungsurlaub) und
den von privaten Unterstützungssystemen erbrachten Hilfeleistungen (Verwandte,
Freunde und Bekannte) zukommen. Als weitere Einflußfaktoren auf diesen
Entscheidungsprozeß wurden auch die soziale Herkunft, soziale Netzwerke, das
räumliche Umfeld (Wohnung, Wohnumgebung), die soziale Lage der Ehepaare sowie
die Perzeption gesellschaftlicher Normen und Standards erfaßt. Der Übergang
von der Eheschließung bis zur (Erst-) Elternschaft sollte mitverfolgt und die
sich daraus ergebenden Veränderungen hinsichtlich der sozialen Lage, den
individuellen Werthaltungen, der Rollengestaltung von Mann und Frau und der
Alltagsorganisation analysiert werden. Besonderheiten dieser Studie waren:
1. Es wurde berücksichtigt, daß Familienentwicklungen und damit
zusammenhängende Entscheidungen einen Prozeß darstellen. Daher erfolgte
einerseits eine retrospektive Feststellung von Einflußfaktoren, andererseits
wurde der Entwicklungsverlauf im Rahmen einer sechsjährigen Panelerhebung
erfaßt.
2. Da die Entscheidungen von Ehepaaren gemeinsame Entscheidungen beider
Partner sind, wurden in die Befragungen sowohl die Frau als auch der Mann mit
einbezogen.
3. Analytisch gesehen unterliegt die Familienentwicklung einem umfassenden
Entwicklungsprozeß, der nicht nur soziologische, sondern auch psychologische
Aspekte beinhaltet. Aus diesem Grunde wurde die Studie als interdisziplinäres
Verbundprojekt konzipiert. Das Gesamtprojekt besteht aus zwei Teilstudien mit
einem soziologischen und einem psychologischen Fokus, die in enger Kooperation
durchgeführt wurden. Die psychologische Teilstudie wurde von Professor Dr.
Klaus Schneewind (Universität München) geleitet.
Art der Untersuchung/Stichprobe:
Längsschnittstudie ( Erhebungswellen) mit standardisierten mündlichen
Interviews in zweijährigem Abstand. Ausgangsstichprobe: 1528 junge (unter 35
Jahre alt), kinderlose Ehepaare - zu 95 % beide Ehepartner befragt - mit einer
Ehedauer ca. 6 Monaten; repräsentative Zufallsstichprobe für die BRD;
Befragung in den Ländern Niedersachsen, Hessen und Bayern; 2. Befragung: 1309
Ehepaare; 3. Befragung 952 Ehepaare; vierte Befragung: 877 Ehepaare.
Auftraggeber: Bundesministerium für Familie und Senioren
Ausgewählte Ergebnisse der Studie
- Charakteristisch für junge Paare ist, daß die meisten (80 %) vor der Ehe
einige Jahre in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft zusammenleben. In
dieser Zeit findet auch der Entscheidungsprozeß für oder gegen Kinder
statt. ·
- Die überwiegende Mehrheit (90 %) junger Ehepaare wünscht sich Kinder,
nur 3 % haben sich bereits kurz nach der Eheschließung gegen Kinder
ausgesprochen und 7 % sind noch unentschlossen. Die Mehrzahl wünscht sich
zwei oder sogar mehr Kinder, lediglich 6 % wollen nur ein Einzelkind.
Zwischen Frauen und Männer gibt es diesbezüglich keine gravierenden
Unterschiede.
- Vier von fünf Ehepaaren haben innerhalb der ersten sechs Ehejahre den
Übergang zur Elternschaft vollzogen. Nach sechs Ehejahren sind also nur
noch 22 % der Paare kinderlos, 37 % haben ein Kind, ebenfalls 37 % haben
zwei Kinder und 3% haben bereits ihr drittes Kind.
- Von den bislang kinderlos gebliebenen Paaren wollen 17 % auch weiterhin
kinderlos bleiben, 18 % sind unentschlossen und für 9 % steht nach sechs
Ehejahren fest, daß sie keine Kinder (mehr) bekommen können. Faßt man
diese Gruppen zusammen, so weist ein recht hoher Anteil der nach sechs
Ehejahren kinderlos gebliebenen Paare eine sehr große Distanz zur
Elternschaft auf: hochgerechnet auf die Gesamtheit der im Panel verbliebenen
Ehepaare sind dies etwa 10 Prozent.
- Die Entscheidung, kinderlos zu bleiben, resultiert nicht aus ökonomischen
Rahmenbedingungen, die bei dieser Gruppe vergleichsweise günstig sind,
sondern leitet sich aus den Einstellungen und Wertorientierungen ab. Bewußt
kinderlose Paare haben sich für einen Lebensstil entschlossen, der
weitgehend unvereinbar zu einem Familienleben mit Kind(ern) ist.
- Der Übergang zur Elternschaft ist bei knapp der Hälfte der Eltern mit
der Eheschließung zeitlich eng verknüpft ("kindorientierte
Eheschließung"). Ehepaare, die nicht unmittelbar nach der Hochzeit das
erste Kind bekamen, wollten häufig erst noch bestimmte berufliche und
finanzielle Voraussetzungen erfüllen. Insbesondere erweist sich die
Integration der Frau in die Arbeitswelt oder zumindest eine gewisse Dauer
ihrer Berufstätigkeit bei vielen Paaren als eine notwendige Bedingung für
die Familiengründung: Viele junge Frauen wollen erst im Beruf Fuß gefaßt
haben, bevor sie Kinder bekommen.
- Nach der Geburt eines Kindes nehmen fast alle Mütter den Erziehungsurlaub
in Anspruch. Die Väter partizipieren daran trotz der vom Gesetzgeber
gebotenen Möglichkeit nur in Einzelfällen. Im weiteren Verlauf wird
deutlich, daß es nach Ablauf des Erziehungsurlaubs zu einer vielfältigen
Verzweigung unterschiedlicher Berufsverläufe kommt. Einige Mütter steigen
- meist in reduzierter Form - wieder in den Beruf ein, andere legen eine
längere Pause ein oder geben ihre Berufstätigkeit zunächst ganz auf.
Mütter mit mehreren Kindern haben die zweite Geburt oft zeitlich so
abgestimmt, daß sie nahtlos von einem in den nächsten Erziehungsurlaub
gehen. Die Familiengründung führt in den meisten Fällen zu einer
traditionellen Rollenaufteilung: Der Mann bleibt weiterhin berufstätig, die
Frau kümmert sich hauptsächlich um Haushalt und Kinder.
- Die Ehezufriedenheit erfährt mit zunehmender Ehedauer einen leichten
Rückgang, der jedoch als genereller Verlaufseffekt der
Partnerschaftsentwicklung bewertet werden muß, da er weitgehend unabhängig
vom Prozeß der Familiengründung beobachtet werden konnte.
Überdurchschnittlich ist der Rückgang nur bei berufstätigen Müttern, was
durch die Doppelbelastung von Berufstätigkeit auf der einen und
Kinderbetreuung und Bewältigung der Hausarbeit auf der anderen Seite
erklärt werden kann.
Publikationen:
Projektberichte der Sozialwissenschaftlichen Forschungsstelle der
Universität Bamberg:
- Schneewind, K.A., Vaskovics, L.A., Knopp, V., Buba, H.-P., Rost, H.,
Schnei-der, N., Schmidt-Rinke, M., Vier-zigmann, G. (1988): Literaturbericht
zum Projekt "Optionen von Paaren beim Übergang von der Ehe zur
Elternschaft und Kinder-wunsch".
- Vaskovics, L.A., Buba, H.-P., Rost, H., Schnei-der, N. (1989):
Materialband Teil I: Soziologische Teilstudie - erste Erhebungswelle.-
- Schneewind, K.A., Vaskovics, L.A., Knopp, V., Buba, H.-P., Rost, H.,
Schnei-der, N., Sierwald, W., Schmidt-Rinke, M., Vier-zigmann, G. (1989):
Zwischenbericht: Optionen der Lebensgestaltung junger Ehen und Kinder-wunsch..
Buchveröffentlichungen und Artikel:
- Rost, H., Schneider, N.F. (1991): Kinderwunsch junger Ehepaare in der BRD.
In: Glatzer, W. (Hrsg.), Die Modernisierung moderner Gesellschaften.
Materialband: Beiträge der Sek-tions-, Arbeits- und AD-hoc-Veranstaltungen
des 25. Deut-schen Soziologentages. Wiesbaden.
- Vaskovics, L.A., Buba, H.-P., Rost, H., Schneider, N.F. (1991):
Kinderwunsch junger Ehepaare. In: Forschungsforum der
Otto-Fried-rich-Universität Bamberg, Heft 3, 1991. Bamberg.
- Buba, H.-P. (1992): Stirbt der Pascha aus? Neues Selbstverständnis der
Familien und die Auswirkungen auf Ehe und Familie. In: Aktuelle
Entwicklungen im Eheverständnis, AKF-Bericht Nr.30, S.7-34. Bonn.
- Vaskovics, L.A. (1992): Frauenerwerbstätigkeit und familiale
Entwicklungsverläufe. In: BIB-Materialies zur Bevölkerungswissenschaft,
Heft 77, 1992, S.325-336.
- Schneewind, K.A., Vaskovics, L.A., Backmund, V., Buba, H.-P., Rost, H.,
Schnei-der, N.F., Sierwald, W., Vier-zigmann, G. (1992): Optionen der
Lebensgestaltung junger Ehen und Kinderwunsch. Band 9 in der Schriftenreihe
des Bundesministeriums für Familie und Senio-ren. Stuttgart, Kohlhammer.
- Vaskovics, L.A. (1993): Familiale Entwicklungsverläufe und Problemlagen.
In: Festschrift der Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie anläßlich
der Preisverleihung 1993 in Bensheim.
- Rost, H., Schneider, N.F. (1994): Familiengründung und Auswirkungen der
Elternschaft. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, Heft 2/1994,
S. 34-57.
- Schneewind, K A., Vaskovics, L.A., Backmund, V., Gotzler, P., Rost, H.,
Salih, A., Sierwald, W., Vier-zigmann, G. (1994): Optionen der
Lebensgestaltung junger Ehen und Kinderwunsch. Band 9.1 in der
Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie und Senio-ren. Stuttgart,
Kohlhammer.
- Rost, H., Schneider, N.F. (1995): Differentielle Elternschaft -
Auswirkungen der ersten Geburt auf Männer und Frauen. In: Nauck, B. u.
Onnen-Isemann, C. (Hrsg.): Familie im Brennpunkt von Wissenschaft und
Forschung, Rosemarie Nave-Herz zum 60. Geburtstag gewidmet, S. 177-194.
Neuwied: Luchterhand.
- Schneewind, K. A., Vaskovics, L. A., Gotzler, P., Hofmann, B., Rost, H.,
Schlehlein, B., Sierwald, W., Weiß, J. (1996): Optionen der
Lebensgestaltung junger Ehen und Kinderwunsch. Endbericht. Schriftenreihe
des Bundes-ministeriums für Familie und Senioren (im Druck)
Rost, H., Schneider, N.F. (1996): Gewollt kinderlose Ehen. In: Buba, H.-P. u.
Schneider, N.F. (Hrsg.): Familie zwischen gesellschaftlicher Prägung und
individuellem Design, S. 245-259. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Daniel Becker Tel.: 0951/863-2608 daniel.becker@sowi.uni-bamberg.de
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